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Die Bedeutung höherer Bildungszertifikate für den Eintritt in die Arbeitsmärkte, die Erzielung höherer Einkommen und die Absicherung der beruflichen Karriere ist über zuverlässige empirische Befunde hinlänglich nachgewiesen. Es liegen allerdings nur spärliche Erkenntnisse darüber vor, welche Erwerbschancen promovierte Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger haben und welche Strukturen ihre Berufsverläufe nach dem Berufseinstieg aufweisen. Aus der Perspektive einer differenzierten Verbleibsforschung gilt es mittels einer standardisierten Befragung nunmehr, diese Lücke für die Promovierten in der Schweiz zu schliessen. Ziel der Untersuchung ist eine Längsschnittanalyse der Berufs- und Einkommensverläufe.
Eine Promotion scheint heute je nach Fachbereich nicht mehr zwangsläufig zu einer Kaderposition zu führen. Aus Sicht der Humankapitaltheorie oder aufgeklärter strukturell-individualistischer Handlungsansätze stellt sich auf beruflicher Ebene für die Hochschulabsolventen und -absolventinnen die Frage, ob es sich überhaupt noch lohnt zu promovieren und – falls ja – für wen sich die Promotion langfristig und in welchem Ausmass lohnt? Welche individuellen Ressourcen auf der einen Seite und welche Strukturen und Entwicklungen auf den Arbeitsmärkten der Schweiz bestimmen andererseits die Muster des Übergangs in den Beruf? Müssen im Zuge der Bildungsexpansion immer mehr Promovierte mit – gemessen an ihrer Ausbildung – unterwertigen Beschäftigungen vorlieb nehmen?
Ziel des Projektes „Promotion und Karriere“ war es, Berufs- und Einkommensverläufe promovierter Akademikerinnen und Akademiker in der Schweiz aus biographischer Perspektive nachzuzeichnen. Dies ermöglicht es Erkenntnisse über den Werdegang der Promovierten zu gewinnen, unter anderem auch wie erfolgreich sie sich am Arbeitsmarkt platzieren und behaupten können. Mittels postalischer Befragung wurden im Zeitraum zwischen September und November 2007 Promovierte der Abschlussjahrgänge 1996-2002 der Universitäten Bern, Basel, Zürich, St. Gallen und der ETH Zürich zu ihrem Bildungs- und Berufsweg sowie ihrer aktuellen Jobsituation befragt. Von Dezember 2007 bis zum Frühjahr 2008 wurde der Datensatz aufwändig bereinigt, so dass im März 2008 mit der Datenanalyse begonnen werden konnte. Nachdem im Jahr zuvor anhand der Schweizerischen Absolventenstudie ein Vergleich zwischen Promovierten und universitären Erstabsolventen hinsichtlich ihres Berufserfolgserfolgs hergestellt wurde (erschienen in der Schweizerischen Zeitschrift für Soziologie, Heft 1/2008), der zu dem Ergebnis kam, dass eine Promotion lohnenswert ist, konnten nun die eigenen Daten in die Analyse einbezogen werden. Dabei entstand eine Publikation (Zeitschrift für ArbeitsmarktForschung 2009 (42)), die zwei interessanten Forschungsfragen nachgeht:
1. Gelingt es den Akademikerinnen und Akademikern auf dem Arbeitsmarkt Fuss zu fassen oder sehen sie sich zunehmend mit Arbeitslosigkeit konfrontiert?
2. Finden Hochqualifizierte eine ihrer Ausbildung angemessene Beschäftigungen oder müssen sie mit inadäquaten Stellen vorlieb nehmen?
Bereits die unterdurchschnittlich geringe Arbeitslosenquote von Promovierten weist darauf hin, dass es den Promovierten gelingt, sich am Arbeitsmarkt durchzusetzen. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass inadäquate Beschäftigung unter Promovierten ein marginales Problem darstellt. Im Gegenteil erweisen sich die Jobaussichten für Hochgebildete in der Schweiz als hervorragend, sowohl innerhalb wie ausserhalb der Hochschulen. Geschlechtsspezifische Effekte wirken, wie erwartet, zu Ungunsten der Frauen, lassen sich aber zum Teil durch Selbstselektionsprozesse wie Teilzeitarbeit erklären. Bezüglich der Verdienstmöglichkeiten muss konstatiert werden, dass promovierte Frauen deutlich weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, obwohl sie häufiger Jobs ausüben, die eine Promotion als Einstellungsvoraussetzung haben als Männer. Dies liegt vor allem daran, dass Frauen nach Promotionsende häufiger im Hochschulbereich verbleiben. Im tertiären Bereich als typischen Akademikerarbeitsmarkt jedoch nicht die gleichen Gehälter erzielt werden können, wie dies teilweise in der Privatwirtschaft der Fall ist. Weitere Publikationen zum Thema werden folgen.
Das Projekt (AZ 100013-113768/1) wird vom Schweizerischen Nationalfond für eine Laufzeit von 24 Monaten mit einem Forschungsbeitrag von CHF 200'667.- unterstützt, wofür wir uns an dieser Stelle bedanken möchten.
Projektleitung: Prof. Dr. Rolf Becker und lic.phil. Sonja Engelage
Mitarbeitende: Urs Hegi, Frank Schubert und Anja Winkelmann
Engelage, Sonja und Frank Schubert (2009): Promotion und Karriere – Wie adäquat sind promovierte Akademikerinnen und Akademiker in der Schweiz beschäftigt? Zeitschrift für Arbeitsmarktforschung 41(3): 213-233.
Engelage, Sonja, und Andreas Hadjar, 2008. Promotion und Karriere - Lohnt es sich zu promovieren? Eine Analyse der Schweizerischen Absolventenstudie. Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 34 (1): 71-93.
Hadjar, Andreas, und Rolf Becker, 2004: Warum einige Studierende ihr Soziologie-Studium abbrechen wollen. Studienwahlmotive, Informationsdefizite und wahrgenommene Berufsaussichten als Determinanten der Abbruchneigung. Soziologie 33 (3): 47-65.
Becker, Rolf, 2004: Wandel der Sozialstruktur von Erwerbverläufen oder: warum diskontinuierliche Erwerbsbiographien eher Konstrukt als Realität sind. S. 59-70 in: Friedericke Behringer, Axel Bolder, Rosemarie Klein, Gerhard Reutter und Andreas Seiverth (Hrsg.), Diskontinuierliche Erwerbsbiographien. Hohengehren: Schneider.
Becker, Rolf, 2000: Determinanten der Studierbereitschaft in Ostdeutschland. Eine empirische Anwendung der Humankapital- und Werterwartungstheorie am Beispiel sächsischer Abiturienten in den Jahren 1996 und 1998. Mitteilungen aus der Arbeitsmarktforschung, Jg. 33 (2): 261-276.
Becker, Rolf, 2000: Studierbereitschaft und Wahl von ingenieurwissenschaftlichen Studienfächern. Eine empirische Untersuchung sächsischer Abiturienten der Abschlussjahrgänge 1996, 1998 und 2000. WZB-Discussion Paper FS I 00-210, Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.